Blockchain-Technologien haben in den vergangenen Jahren einen deutlichen Wandel durchlaufen. Während sie lange vor allem mit Kryptowährungen, spekulativen Geschäftsmodellen und Web3-Visionen verbunden waren, zeigt sich inzwischen ein eher nüchternes Bild.
In Deutschland ist Blockchain – beziehungsweise Distributed-Ledger-Technology – weder Massenstandard noch reine Randerscheinung. Sie wird dort eingesetzt, wo sie konkrete technische oder organisatorische Probleme adressiert: Nachvollziehbarkeit, Integrität von Daten, koordinierte Prozesse zwischen mehreren Parteien und regulatorische Anforderungen. Für Startup-Produkte bedeutet das: Blockchain ist kein Selbstzweck mehr, sondern ein spezialisierter Baustein moderner Software-Stacks.
Verbreitung und Reifegrad in Deutschland
Eine zentrale Referenz für die Einordnung liefert das ifo Institut. Laut einer im Juli 2025 veröffentlichten Erhebung nutzen rund 9,7 Prozent der Unternehmen in Deutschland Blockchain- bzw. DLT-Technologien bereits oder planen dies konkret in naher Zukunft.
Weitere rund 20 Prozent diskutieren den Einsatz. Gleichzeitig geben knapp 70 Prozent an, sich nicht mit der Technologie zu befassen oder sie aktuell nicht für relevant zu halten.
Diese Zahlen zeigen zwei Dinge: Erstens ist Blockchain kein flächendeckender Standard. Zweitens hat sie die reine Experimentierphase hinter sich gelassen. Besonders hoch ist der Anteil in der Industrie. Im verarbeitenden Gewerbe liegt der Anteil der Nutzer und Planer bei über 13 Prozent, im Automobilsektor sogar bei etwa einem Drittel der Unternehmen.
Auch die chemische Industrie sowie einzelne weitere Produktionsbereiche liegen über dem Durchschnitt.
Im Dienstleistungssektor finden sich Schwerpunkte in IT- und IT-Security-Unternehmen, in der Unternehmens-, Rechts- und Steuerberatung sowie bei Marketing- und Kommunikationsdienstleistern. Handel und Bauwirtschaft zeigen sich deutlich zurückhaltender.
Im internationalen Vergleich zeigt sich Deutschland weder als Vorreiter noch als Nachzügler, sondern
als moderat aktiver Anwender innerhalb eines heterogenen globalen Umfelds. Besonders hoch ist die Nutzung in Deutschland im industriellen Umfeld.
Diese Branchen eint ein hoher Grad an Arbeitsteilung, komplexe Lieferketten und ausgeprägte Dokumentationspflichten – Faktoren, bei denen DLT als technische Nachweis- oder Koordinationsschicht sinnvoll eingesetzt werden kann. Im Dienstleistungssektor zeigt sich ein differenziertes Bild.
International betrachtet ist Blockchain keine universelle Basistechnologie, sondern eine kontextabhängige Speziallösung. Ihre Nutzung konzentriert sich auf klar umrissene Nischen – etwa Industrie, Finanzinfrastruktur, Compliance-nahe Dienstleistungen oder IT-Sicherheitsanwendungen.
Auch im Gaming bzw. iGaming Sektor kommt der Einsatz vor: Zu den Vorteilen gehören Sicherheit und Geschwindigkeit der Transaktionen, sowie bei manchen Formaten auch die Nachverfolgbarkeit etwa bei Provably Fair Mechanismen, weshalb
Bitcoin Casinos für deutsche Spieler interessant erscheinen können, obwohl sie nur unter ausländischen Lizenzen agieren. Diese Nischen sind wirtschaftlich relevant, aber begrenzt.
Typische Einsatzfelder in Startup-Produkten
Blockchain wird in deutschen Startup-Produkten selten als alleinstehendes Produkt eingesetzt. Häufiger ist sie ein technischer Bestandteil innerhalb größerer
Softwarelösungen. Typische Einsatzfelder lassen sich branchenübergreifend beobachten:
Ein zentrales Feld sind Nachweis- und Dokumentationsfunktionen. Hier dient DLT als manipulationssichere Protokoll- oder Zeitstempelschicht, etwa für Prozessschritte, Dokumentversionen oder Transaktionen zwischen mehreren Beteiligten. Gerade in industriellen oder regulierten Kontexten spielt diese Eigenschaft eine Rolle.
Ein weiteres Einsatzfeld ist die Abbildung koordinierter Prozesse zwischen Organisationen. In Konsortial- oder Partnerstrukturen kann eine gemeinsam genutzte Ledger-Struktur Zustände, Freigaben oder Übergaben transparent abbilden, ohne dass eine einzelne Partei die alleinige Kontrolle über die Datenhaltung hat. Auch digitale Identitäten und Berechtigungen gehören zu den realen Anwendungsfällen.
Dabei geht es weniger um öffentliche Identitäten, sondern um kontrollierte, technische Nachweise innerhalb von Software-Ökosystemen, etwa für Maschinen, Software-Module oder Organisationsrollen.
Im Finanz- und Abwicklungsumfeld kommt Blockchain insbesondere dort zum Einsatz, wo regulatorische Rahmenbedingungen bestehen. In Deutschland ist hier die Tokenisierung realer Vermögenswerte auf Basis des Gesetzes über elektronische Wertpapiere relevant, das seit 2021 einen rechtlichen Rahmen für DLT-basierte Wertpapiere schafft.
Technologische Ausprägungen
Die konkrete Ausgestaltung von Blockchain-Komponenten in Startup-Produkten ist heterogen. Öffentliche, vollständig offene Blockchains spielen im B2B-Umfeld eine geringere Rolle als noch vor einigen Jahren. Häufiger kommen sogenannte permissioned oder konsortiale Systeme zum Einsatz, bei denen der Teilnehmerkreis kontrolliert ist.
Technologisch relevant sind weiterhin Ethereum-basierte Systeme, insbesondere dort, wo Standardisierung, vorhandene Entwicklungswerkzeuge und geprüfte Smart-Contract-Bibliotheken Vorteile bieten.
Dabei werden öffentliche Netzwerke zunehmend durch Layer-2- oder Sidechain-Ansätze ergänzt, um Kosten und Performance zu steuern.
Parallel dazu haben sich Enterprise-DLT-Plattformen etabliert, die gezielt auf Geschäftsprozesse, Governance-Strukturen und Integration in bestehende IT-Landschaften ausgelegt sind. Unabhängig von der konkreten Technologie gewinnt das Thema Schlüssel- und Zugriffsmanagement an Bedeutung.
Die sichere Verwaltung kryptographischer Schlüssel, etwa über Hardware-Sicherheitsmodule oder Multi-Party-Computation-Ansätze, ist für den produktiven Betrieb und insbesondere für die Übergabefähigkeit von Projekten zentral.
Als spezialisierter Sonderfall gilt die Tokenisierung realer Vermögenswerte. Sie wird vor allem in regulierten Finanzkontexten genutzt, etwa bei digitalen Anleihen oder Fondsanteilen, und richtet sich primär an Banken und institutionelle Emittenten.
Für die Mehrheit klassischer Startup-Produkte bleibt dieses Feld eine Nische, da regulatorische Anforderungen, Kapitalbedarf und Infrastrukturabhängigkeiten hoch sind.
Auch im Zusammenspiel mit Automatisierung und KI wird Blockchain pragmatisch eingesetzt. Gerade in sicherheits- und compliance-sensiblen Kontexten gewinnt diese Kombination an Bedeutung. Hintergrund ist unter anderem die steigende Bedrohungslage durch Cyberangriffe, die laut Studien des Bitkom für deutsche Unternehmen hohe wirtschaftliche Schäden verursacht.
Blockchain findet zumeist dort Anwendung, wo mehrere Parteien zusammenarbeiten, wo Nachvollziehbarkeit erforderlich ist und wo regulatorische oder sicherheitsrelevante Anforderungen bestehen.
Für Startup-Produkte bedeutet das eine nüchterne Realität: Blockchain ist ein Werkzeug unter vielen. Ihre Relevanz entsteht nicht durch Universalität, sondern durch den passenden Kontext, klare technische Entscheidungen und eine wartbare Umsetzung.
Quellen
https://www.pexels.com/de-de/foto/geschaftsmann-mann-person-frau-5716031/
https://www.ifo.de/en/press-release/2025-07-02/97-companies-germany-use-or-plan-use-blockchain-technologie
https://www.weforum.org/publications/blockchain-beyond-the-hype/
https://www.weforum.org/stories/emerging-technologies/
https://www.oecd.org/en/topics/digital.html
https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Merkblatt/mb_250103_Kryptowerte_Dienstl.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Verordnung_%28EU%29_2023/1114_%C3%BCber_M%C3%A4rkte_f%C3%BCr_Kryptowerte
https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_%C3%BCber_elektronische_Wertpapiere
https://de.wikipedia.org/wiki/Cashlink_Technologies
https://www.demandsage.com/crypto-adoption-statistics/