Die digitale Identität deiner Kunden zu prüfen, galt in vielen Startups lange als lästige Pflicht: Ausweis hochladen, Video-Call, Wartezeit – und an jeder Stelle springen Nutzer ab. 2026 verschiebt sich der Blick. Neue Verfahren wie die Online-Ausweisfunktion, automatisierte Dokumentenprüfung und ab Januar 2027 die staatliche EUDI-Wallet machen es möglich, Sicherheit und Komfort besser zu verbinden.
Für Gründer heißt das: Wer Identitätsprüfung nicht als Hürde, sondern als Teil der Produktgestaltung versteht, senkt Abbruchraten, schützt sich vor Betrug und erfüllt gleichzeitig gesetzliche Pflichten. In diesem Ratgeber erfährst du, wann du eine Verifizierung brauchst, welche Verfahren es gibt, was sich durch eIDAS 2.0 ändert und wie du das Onboarding praktisch gestaltest.
Was digitale Identität im Business bedeutet
Im Geschäftsalltag beschreibt die digitale Identität die Gesamtheit der Merkmale, mit denen eine Person oder ein Unternehmen online eindeutig erkannt werden kann: Name, Geburtsdatum, Adresse, aber auch Nachweise wie ein Führerschein oder eine Berufsqualifikation. Entscheidend ist, wie verlässlich diese Angaben überprüft wurden.
Man unterscheidet grob zwei Aufgaben. Die Identifizierung stellt einmalig fest, wer jemand ist, etwa bei der Kontoeröffnung. Die Authentifizierung bestätigt bei jedem Login, dass es sich um dieselbe Person handelt. Beide Schritte beeinflussen Sicherheit und Nutzererlebnis gleichermaßen.
Wann eine Identitätsprüfung Pflicht ist
Ob du Kunden verifizieren musst, hängt vom Geschäftsmodell ab:
- Geldwäscherecht: Banken, Zahlungsdienstleister, Kryptowerte-Dienstleister, Versicherungsvermittler und weitere Verpflichtete nach dem Geldwäschegesetz (GwG) müssen Vertragspartner identifizieren (Know Your Customer, KYC).
- Jugendschutz: Wer altersbeschränkte Inhalte oder Produkte anbietet, braucht eine verlässliche Altersprüfung.
- Telekommunikation: Für Prepaid-Mobilfunkverträge gilt eine Identifizierungspflicht.
- Freiwillig aus Risikogründen: Marktplätze, Vermietplattformen oder B2B-Software prüfen Identitäten oft, um Betrug und Fake-Accounts zu verhindern.
Bei Geschäftskunden kommt eine weitere Ebene hinzu: Verpflichtete nach dem GwG müssen auch den wirtschaftlich Berechtigten feststellen, also die natürlichen Personen, die hinter einer Firma stehen. Dafür werden unter anderem Handelsregister und Transparenzregister herangezogen, was das Onboarding von Firmenkunden deutlich aufwendiger macht als bei Privatkunden.
Für Fintechs ist das Thema zentral. Einen Überblick über Geschäftsfelder und Regulierung findest du in unserem Beitrag zu Fintech-Startups.
Verfahren zur Verifizierung im Vergleich
Das Geldwäschegesetz nennt in § 12 Abs. 1 die zulässigen Wege zur Überprüfung natürlicher Personen. Dazu gehören ein gültiger amtlicher Lichtbildausweis, der elektronische Identitätsnachweis des Personalausweises, eine qualifizierte elektronische Signatur unter zusätzlichen Voraussetzungen und notifizierte elektronische Identifizierungssysteme nach der eIDAS-Verordnung. Video-Ident ist nach Vorgaben der BaFin unter Auflagen ebenfalls zulässig.
| Verfahren | Ablauf | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|
| Online-Ausweisfunktion (eID) | Ausweis per NFC mit Smartphone auslesen, PIN eingeben | hohe Sicherheit, schnell, keine Wartezeit | PIN vielen Nutzern nicht bekannt |
| Video-Ident | Videoanruf mit geschulter Person, Ausweis in die Kamera halten | funktioniert ohne NFC | Wartezeiten, Servicezeiten, höhere Kosten |
| Automatisierte Dokumentenprüfung | Foto von Ausweis und Selfie, Abgleich per Software | rund um die Uhr, gute Nutzerführung | nicht für jede gesetzliche Pflicht ausreichend |
| Filial- oder Post-Verfahren | persönliches Vorzeigen des Ausweises | für Nutzer ohne Smartphone | Medienbruch, mehrere Tage Dauer |
| EUDI-Wallet (ab 2027) | Identitätsdaten aus der staatlichen Wallet freigeben | wenige Klicks, Sicherheitsniveau „hoch“ | Verbreitung muss sich erst entwickeln |
Welches Verfahren passt, hängt davon ab, ob eine gesetzliche Pflicht besteht und welches Sicherheitsniveau verlangt ist. Viele Anbieter kombinieren mehrere Wege, damit möglichst jeder Kunde eine passende Option findet.
eIDAS 2.0 und die EUDI-Wallet
Die überarbeitete eIDAS-Verordnung (EU) 2024/1183, oft eIDAS 2.0 genannt, verpflichtet alle EU-Staaten, ihren Bürgern bis Ende 2026 eine europäische digitale Identitätsbrieftasche anzubieten. Damit erhält die digitale Identität erstmals ein einheitliches, grenzüberschreitend nutzbares Format. Die deutsche Wallet trägt den Namen „d-you“ und soll am 2. Januar 2027 starten. Der Bundestag hat sich im Oktober 2026 abschließend mit dem zugehörigen Digitale Identitätengesetz befasst; die Aufsicht über registrierte Dienstanbieter soll die Bundesnetzagentur übernehmen.
Die Wallet soll Identitätsdaten aus dem Personalausweis, später auch Nachweise wie Führerschein oder Zeugnisse speichern und qualifizierte elektronische Signaturen ermöglichen. Für Bürger ist sie freiwillig und kostenlos. Banken und sehr große Online-Plattformen müssen sie nach den EU-Vorgaben als Identifizierungsweg akzeptieren; für andere Unternehmen ist die Anbindung freiwillig, kann aber das Onboarding deutlich vereinfachen.
Was Startups jetzt vorbereiten können
Prüfe, ob dein Identitätsdienstleister die Anbindung der EUDI-Wallet plant, und frage nach dem Zeitplan. Wenn du Dienste anbieten willst, die Daten aus der Wallet abfragen, wirst du dich als vertrauender Beteiligter registrieren müssen. Lege außerdem fest, welche Daten du tatsächlich brauchst: Die Wallet erlaubt es, nur einzelne Merkmale freizugeben, etwa die Volljährigkeit statt des vollständigen Geburtsdatums.
Onboarding ohne Kundenverlust gestalten
Jede zusätzliche Hürde im Anmeldeprozess kostet Nutzer. Mit diesen Maßnahmen bleibt die Verifizierung sicher und trotzdem schnell:
- Prüfung zum richtigen Zeitpunkt: Verifiziere erst, wenn es nötig ist, etwa vor der ersten Auszahlung oder Bestellung, nicht schon bei der Registrierung.
- Mehrere Verfahren anbieten: Online-Ausweis als schneller Standard, Video-Ident oder Dokumentenprüfung als Alternative.
- Klar erklären, warum: Ein kurzer Hinweis auf gesetzliche Pflichten oder Schutz vor Betrug erhöht die Bereitschaft.
- Mobile Nutzung optimieren: Die meisten Prüfungen laufen auf dem Smartphone. Teste den Ablauf auf verschiedenen Geräten.
- Abbrüche messen: Erfasse, in welchem Schritt Nutzer abspringen, und optimiere gezielt.
Wie du Abbruchpunkte systematisch findest und behebst, beschreibt unser Ratgeber zur Conversion-Optimierung. Für bestehende Kunden lohnt sich eine risikobasierte Authentifizierung: Zusätzliche Prüfungen werden nur ausgelöst, wenn ein Login ungewöhnlich wirkt, etwa durch ein neues Gerät oder einen anderen Standort.
Betrug erkennen: Deepfakes und gefälschte Dokumente
Mit besseren Prüfverfahren werden auch die Betrugsversuche raffinierter. Generative KI erleichtert gefälschte Ausweisbilder und manipulierte Videos, mit denen Täter Selfie- oder Video-Prüfungen überlisten wollen. Hinzu kommen sogenannte synthetische Identitäten, bei denen echte und erfundene Angaben zu einer neuen Person kombiniert werden.
Seriöse Anbieter setzen deshalb auf Lebenderkennung, die prüft, ob tatsächlich eine Person vor der Kamera sitzt, auf das Auslesen des Ausweischips statt nur eines Fotos und auf Plausibilitätsprüfungen im Hintergrund. Für dein eigenes Produkt gilt: Je höher der mögliche Schaden, desto stärker sollte das Verfahren sein. Wer Auszahlungen, Kredite oder hochwertige Waren anbietet, sollte auf chipbasierte Verfahren wie die Online-Ausweisfunktion oder künftig die Wallet setzen. Ergänzend helfen Regeln, die auffällige Muster melden, etwa viele Konten mit derselben Adresse oder demselben Gerät. So bleibt die digitale Identität deiner Kunden auch dann verlässlich, wenn Angreifer neue Werkzeuge nutzen.
Datenschutz und Sicherheit
Identitätsdaten gehören zu den sensibelsten Informationen, die ein Unternehmen verarbeitet. Bei biometrischen Daten wie einem Gesichtsabgleich gelten nach Art. 9 DSGVO besonders strenge Regeln. Speichere nur, was gesetzlich oder für den Zweck erforderlich ist, und lege Löschfristen fest. Für Pflichtidentifizierungen nach dem GwG gelten eigene Aufbewahrungspflichten.
Arbeitest du mit einem externen Identitätsanbieter, brauchst du einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung und solltest prüfen, wo die Daten verarbeitet werden. Grundlegende Schutzmaßnahmen für dein eigenes System findest du im Beitrag zur IT-Sicherheit für kleine Unternehmen. Eine sichere digitale Identität im Business hängt nicht nur am Prüfverfahren, sondern auch an Zugriffsrechten, Verschlüsselung und Protokollierung.
Kosten und Anbieterwahl
Identitätsdienstleister rechnen meist pro Prüfung ab, oft mit Staffelpreisen nach Volumen. Video-Ident ist wegen des Personaleinsatzes in der Regel teurer als automatisierte Verfahren oder die Online-Ausweisfunktion. Achte bei der Auswahl auf die anerkannten Verfahren für deine Branche, auf Erfolgsquoten, Servicezeiten, Datenstandort und darauf, wie schnell der Anbieter neue Wege wie die EUDI-Wallet integriert.
Häufige Fragen
Was ist eine digitale Identität?
Eine digitale Identität ist die Gesamtheit der Merkmale, mit denen eine Person oder Organisation online eindeutig erkannt werden kann, zusammen mit dem Nachweis, dass diese Merkmale überprüft wurden. Beispiele sind die Online-Ausweisfunktion des Personalausweises oder künftig die EUDI-Wallet.
Muss jedes Startup seine Kunden verifizieren?
Nein. Eine Pflicht besteht vor allem für Verpflichtete nach dem Geldwäschegesetz, bei Altersbeschränkungen und in einzelnen Branchen wie dem Mobilfunk. Andere Unternehmen verifizieren freiwillig, um Betrug zu verhindern.
Ab wann gibt es die EUDI-Wallet in Deutschland?
Die deutsche Wallet „d-you“ soll am 2. Januar 2027 starten. Die Nutzung ist für Bürger freiwillig und kostenlos.
Ist Video-Ident noch zeitgemäß?
Video-Ident bleibt eine wichtige Alternative für Nutzer ohne NFC-fähiges Smartphone oder ohne Ausweis-PIN. Wegen Wartezeiten und Kosten setzen viele Anbieter es aber nur noch als Ergänzung ein.
Fazit
Die digitale Identität wird für Unternehmen vom Pflichtprogramm zum Gestaltungsthema. Wer Verifizierung zum richtigen Zeitpunkt einsetzt, mehrere Verfahren anbietet und Datenschutz ernst nimmt, gewinnt Vertrauen, ohne Kunden zu verlieren. Mit dem Start der EUDI-Wallet im Januar 2027 kommt ein weiterer, besonders nutzerfreundlicher Weg hinzu. Prüfe jetzt, welche Pflichten für dein Geschäftsmodell gelten und wie dein Onboarding davon profitieren kann.
